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Wandern mit Diabetes Typ 1 – 4 Dinge dich ich auf den Bergen gelernt habe

Wandern mit Diabetes war die erste Herausforderung, die ich mir nach meiner Diagnose mit Typ-1-Diabetes gestellt habe. Denn den Wanderurlaub nur wegen einer neuen chronischen Krankheit absagen? Nee…lieber ausprobieren, was so geht! Hier findest du meine Erfahrungen und meine Fehler beim Wandern mit Diabetes.

Wanderurlaub mit Typ-1-Diabetes – Was soll schon schief gehen?

Meine Erstdiagnose mit Typ-1-Diabetes kommt natürlich 2020 mitten in der Pandemie. Wie passend. Wenn schon gefühlt die ganze Welt zusammenbricht, kann ja auch noch Diabetes dazukommen. Aber es kommt wie es kommt, meckern hilft ja auch nicht. Schon vor meinem Krankenhausaufenthalt haben meine Frau und ich pandemiebedingt einen Wanderurlaub in Deutschland geplant. Immer wieder habe ich mir gedacht, dass Bayern so aus dem Zugfenster betrachtet, echt nach einer tollen Wandergegend aussieht: So wurde Bamberg unser Ziel.

Aber Moment: Einen Monat nach der Diagnose direkt mal ein Wanderurlaub? Klar, warum denn nicht? Irgendwann muss ich ja eh ausprobieren, wie der Körper auf Belastung reagiert – und Wandern wirkt da auf jeden Fall ungefährlicher als Tiefseetauchen.

Schon im Krankenhaus wurde ich dazu ermutigt, einfach mal laufen zu gehen, um zu schauen, was passiert. Irgendwie muss ja jeder selber schauen, wie der Diabetes auf Sport reagiert. So bestelle ich mir noch vom Krankenbett die Diabetes- und Sport-Fibel von Ulrike Thurm. In zwei Tagen habe ich es durchgepaukt. Die Beispiele im Buch von teils Extremsportler:innen machen mir Mut.  Ich fühle mich also halbwegs gut vorbereitet, der Rest zeigt sich dann in der freien Wildbahn. Also ab dafür.

1. Zum Glück gibt es zum Wandern CGMs

Apple Iphone SE auf dem Bildschirm ist Dexcom G6 CGM Blutzuckermessgerät zu sehen

Ich stehe auf dem Berg und schaue dabei zu, wie mein Blutzucker abwärts rauscht. Steil fällt er  ab wie das Tal zu meinen Füßen. Ich beiße in den dritten Müsliriegel innerhalb von zwei Stunden und bin stolz. Egal, wie der Zucker aussieht ich bin oben. Und gegen fallenden Zucker kann ich ja gegenan essen.

Schnell merke ich, dass meine Muskeln den Zucker regelrecht wegatmen.  Sobald es etwas bergan geht, geht mein Blutzucker verlässlich in die Gegenrichtung. Wie Kohle in der Dampfmaschine lege ich also große Mengen Müsliriegel, Bananen oder Traubenzucker nach.  Das größte Hilfsmittel ist mein CGM von Dexcom – auch wenn es jetzt ständig piept und ich mich bei der Nahrungsaufnahme ganz schön auf Trapp hält.

Den Dexcom habe ich noch am ersten Tag bei nach dem Krankenhau bei meiner Diabetologin bestellt. Zum Glück stellen Dexcom und Abbot auch Testgeräte zur Verfügung. Bei der Wanderung kann ich den Dexcom G6  direkt unter Extrembedingungen auf Herz und Nieren testen.

So bin ich verdammt froh, meinen Bluetooth-Gehilfen im Arm stecken zu haben, anstatt alle paar Kilometer meinen Finger anzustechen. Außerdem gibt er beim Wandern und danach eine enorme Sicherheit. Also keine Angst vor der Unterzuckerung während der Anstrengung, noch nachts, wenn die Muskeln ihre Glucosevorräte auffüllen, und so gerne nachts um drei den Blutzucker abwärts treiben.

2. Der Diabetiker braucht Treibstoff

Klar hätte ich auch sanft einsteigen können. Aber ich habe halt auch Lust meinen Körper (und meinen Diabetes) herauszufordern und zu schauen, was so geht. Also machen meine Frau und ich nicht Oma-Und-Opa-Kaffee-Wanderungen. Bei uns werden Trails mit insgesamt 10.000 Höhenmetern gewandert. Zum Teil sind wir mehr als sieben Stunden auf den Beinen. Da brauchen ich und mein Diabetes vor allem eines: Zucker.

Ich belade also meinen Rucksack jeden Tag mit mindestens fünf Riegeln, einer Bananen, ganze Packungen Traubenzucker und natürlich eine ordentliche Brotzeit für erklommene Gipfel. Schnell lerne ich, dass ich gerade während und nach Anstiegen ordentlich nachlegen muss. Alle paar Minuten schaue ich auf mein Smartphone, wo mein Blutzucker steht.

Es funktioniert, aber junge, junge so richtig leistungsfähig bin ich noch nicht. Immerhin lag ich vor vier Wochen noch mit Kanüle im Arm im Krankenhaus. Mein Körper war völlig ausgelaugt. Selbst Treppen zu gehen war ein Kraftakt.

Heute fühle ich mich meist leistungsfähiger als vor meiner Typ-1-Diagnose. So lange mein Diabetes bei Laune gehalten wird, und das CGM nicht piept, bin ich nach wie vor zu Höchstleistungen fähig. Beim Wandern passt sich mein Körper schnell an. Schon die zweite und dritte Wanderung fühlen sich wundervoll an. Die Maschine läuft dank Insulin-Input wieder rund.

3. Insulin ist relativ

Ich wiederhole meinen Hinweis: Das hier ist meine Erfahrung. Jeder Mensch mit Diabetes ist anders. Du kannst nicht meine Ergebnisse eins zu eins auf dich übertragen. Mache dich schlau und bespreche dich im Zweifel mit deinem Arzt!

Nie schmeckt eine Brotzeit besser als auf einer erklommenen Anhöhe mit Aussicht ins Tal (Und in Bamberg gibt es einfach fantastisches Brot!). Da meine Oberschenkelmuskulatur ja Zucker aus meinem Blut zieht, wie ein SUV bei 200 km/h auf der Autobahn Benzin aus dem Tank schlürft, lasse ich das Bolus-Insulin einfach weg. Welch Freiheit und was für ein seltsames Gefühl. Gerade wurde mir noch beigebracht, dass ich mein Lebenselixier nie vergessen darf, jetzt merke ich, wie einfach meine Muskeln einen Bolus (also einen Schuss Kurzzeitinsulin) ersetzen können.

Das gleiche gilt auch für meine Basalrate: In der Diabetes und Sport Fibel habe ich gelesen, dass ich mein Langzeitinsulin reduzieren muss, wenn ich viel Sport treibe, und das tue ich. Schnell kann ich meine Dosis, die ich mir zweimal täglich verabreiche um die Hälfte reduzieren. Schießt der Blutzucker durch die Decke? Nein, auf die Muskelarbeit ist Verlass.

4. Der Muskelauffülleffekt ist real

Bild beim Biertrinken nach dem Wandern mit Diabetes

Wir wandern im Wunderschönen Franken. An jeder Ecke haben die Biergärten mit vorbildlichen Hygieneregeln geöffnet. Nach der Wanderung ist natürlich nichts schöner als die Strapazen und den Staub mit einem Weizenbier herunterzuspülen. Am Ende eines Wandertages ist mein Blutzucker meist relativ niedrig. Mein Körper nimmt den  halben Liter alkoholfreies Weizenbier dankbar im System auf. Meist reicht dies nicht mal aus, um den Wert aus meinem Zielbereich zu befördern.

Auch beim Abendessen bei dem die Glucosespeicher in den Muskeln wieder aufgefüllt werden wollen, kann ich den Bolus reduzieren, wie auch das Langzeitinsulin am Abend. Egal, ob Maultaschen mit bayerischen Waldpilzen, oder eine kohlenhydratreiche Couscous-Pfanne –  zu hohe Werte habe ich nie.

Wandern und Typ-1-Diabetes – mit der richtigen Vorbereitung kein Problem!

Während des Wanderurlaubs sind wir sieben Tage am Stück gewandert – im Schnitt zwischen 15 und 25 Kilometern Strecke. Bis zu 10.000 Höhenmeter inklusive. Am Ende war es ein spannendes und geglücktes Experiment mit meiner neuen Krankheit. Es hat mir deutlich gemacht, was alles geht, und ich habe reichlich Selbstvertrauen getankt im Umgang mit meinem Diabetes.

Das Ziel ist irgendwann eine Alpenüberquerung zu wandern. Vielleicht wird es auch mal ein 100 Kilometer Mega-Marsch. Herausfordernd, aber möglich denke ich mir inzwischen.

Wenn du dir auch gerade überlegst, ob du dir auch ein Wanderurlaub vornehmen solltest, hier meine Tipps:

7 Tipps zum Wandern mit Typ-1-Diabetes

1. Insulin reduzieren: Probiere aus, wie viel Insulin du wirklich brauchst.

2. Ordentlich Proviant einstecken: Du willst nicht im Wald ohne Zucker stehen.

3. CGM im Blick behalten:  So merkst du schnell, ob dein Zucker noch für den nächsten Anstieg reicht

4. Notfallplan: Meine Frau war bei allen Wanderungen dabei und hatte mein Glucagon-Nasenspray und Traubenzucker im Gepäck

5. Lieber zu viel als zu wenig essen: Wenn der Zucker aufgebraucht ist, werden auch die Beine lahm.

6. Muskelauffülleffekt beachten: Auch nach der Wanderung sind die Muskeln noch gierig am Zucker verschlingen.

7. Hab Spaß: Vergiss bei allem Blutzucker checken nicht, auch die Aussichten zu genießen.

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